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Moderator Uwe Haring, Andrea Maria Waden, Christoph Keese, Olaf Hemker und Gert Stuke.

Verschlafen wir in Deutschland die Digitalisierung?

Der Journalist Christoph Keese mahnt und ermuntert zugleich

IHK-Wirtschaftsjunioren und LzO begrüßen rund 400 Gäste in der LzO-Zentrale


Mit Konrad Zuse war es ein Deutscher, der vor über 75 Jahren den ersten funktionsfähigen Rechner der Welt vorstellte. Seitdem ist viel passiert. Inzwischen träumen wir von autonom fahrenden Autos und so mancher von Flugtaxis. Doch welche Rolle spielt dabei die Industrienation Deutschland? Sind wir noch auf der Höhe der „digitalen Zeit“ oder sind es andere, kreative und hoch flexible Start-ups, die von der kalifornischen Küste aus Traditionsunternehmen weltweit das Fürchten lehren? Wie ticken jene, die heute Innovationen vorantreiben und was können wir tun, damit wir nicht den Anschluss verlieren?  

Antworten auf diese Fragen gab Christoph Keese, Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Buchautor, am Dienstagabend den rund 400 Gästen in der Zentrale der LzO in Oldenburg. Sie waren erschienen, um seinen Ausführungen zum Thema „Silicon Germany – kapieren, nicht kopieren“ zu folgen. Keese trat im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Unternehmenswert Mensch“ auf, die zum dritten Mal gemeinschaftlich von den Freunden der Wirtschaftsjunioren e.V. bei der Oldenburgischen IHK und der LzO durchgeführt wurde.

 

„Unternehmenswert Mensch“ - Denkanstöße erhalten und sich untereinander austauschen

Olaf Hemker, Mitglied des Vorstandes der LzO, betonte in seiner Begrüßung, dass es der LzO wichtig sei, Unternehmen aus der Region mit der Veranstaltungsreihe einen Raum zu geben, in dem sie Denkanstöße erhalten würden und in dem man sich untereinander austauschen könne. Er freute sich, dass es nun schon zum dritten Mal in Folge gelungen sei, eine so hohe Zahl an Unternehmern mit einem spannenden Thema neugierig zum machen.

„Praxis und Mut“ – zwei Begriffe, die Andrea Maria Waden, die Vorsitzende der Freunde der Wirtschaftsjunioren e.V. bei der IHK, in besonderem Maße mit Christoph Keese in Verbindung bringt. Keese wisse, wovon er spricht.  

So habe er die Digitalisierung bei Axel Springer mit beispiellosem Erfolg vorangetrieben. Und er sei mutig gewesen, in dem er zusammen mit seinem Team bestehende Strukturen im Unternehmen hinterfragte und Lust auf Neues entwickelte. „Mut ist eine der Schlüssel-Qualifikationen der Zukunft“, war sich Waden sicher.  

Gert Stuke, Präsident der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer, hob hervor, dass die Unternehmen das Thema „Digitalisierung“ und seine branchenübergreifenden und zunehmend disruptiven Auswirkungen längst erkannt hätten. Gleichwohl scheint gerade kleineren und mittleren Unternehmen der wirtschaftliche Nutzen einer konsequenten Digitalisierungsstrategie noch nicht hinreichend klar zu sein. Dabei reiche es nach Ansicht von Stuke nicht aus, Konzepte anderer einfach zu kopieren. „Aber wir können von anderen lernen und dann eigene Ideen für unsere Unternehmen entwickeln“, appellierte der IHK-Präsident.  

 

Alles auf Anfang

Keese machte zu Beginn seines Vortrages klar, dass zu der Digitalisierung etwas Neues hinzugetreten sei, nämlich die digitale Disruption. Sie würde an dem Punkt ansetzen, an dem der Kunde das Gefühl höchster Unzufriedenheit mit dem Produkt oder mit der Dienstleistung hätte. Disruptoren würden laut Keese diese Störfaktoren in traditionellen Wertschöpfungsketten als Chance erkennen und bequemere Lösungen dafür erarbeiten. „Disruptive Innovationen verdrängen Teilnehmer vom Markt, weil die von ihnen erfüllte Funktion durch den Fortschritt überflüssig wird“, ist sich Keese sicher. Zudem würden die Innovationen den größtmöglichen Nutzen für den Kunden in den Vordergrund stellen und weniger die Gewinnmarge. Warnend fügte er hinzu, dass mehr als 90 Prozent aller Disruptoren von außerhalb der Branche kämen. Sie hätten nichts zu verlieren und seien nicht belastet von Vorwissen und Denkverboten.  

Aber auch eine radikale Digitalisierung ihrer Stammgeschäfte würde nach Ansicht Keeses viele Branchen nicht davor schützen, zu scheitern. Plattformen wie beispielweise Airbnb, Booking oder Stepstone würden zunehmend die Gewinne abschöpfen. Das Geschäftsmodell von Plattformen sähe vor, eine angebotene Leistung nicht selbst zu erbringen, sondern nur zu vermitteln.  So sei es nicht verwunderlich, dass heute sieben der zehn wertvollsten Unternehmen digitale Plattformen seien.  

Keese ist der Meinung, dass die nächste wichtige Schwelle der Digitalisierung die Psychologie sei. „Ohne Zweifel haben Sorgen und Ängste auch etwas Gutes. Sie schützen uns vor unüberlegten Handlungen“, sagte Keese. Doch Angststarre würde Optionen verbauen. Wir sollten nach Meinung von Keese lernen, unsere Sorgen zu artikulieren. Nur so wären wir in der Lage, Blockaden zu überwinden, die der Disruption im Wege stehen.  

Und Keese machte noch mehr Mut. „Disruption in Eigenregie ist möglich.  Wenn man selbst den eigenen Beruf oder das eigene Geschäftsmodell gedanklich angreifen und demontieren würde, könnte man der Veränderung durch Dritte zuvorkommen“, so Keese. Sich selbst neu erfinden, neue Möglichkeiten entdecken und einen Neuanfang wagen – quasi „alles auf Anfang“. Das war sein Rat an alle, die Lust haben, Angst in Innovation zu verwandeln

Der Referent:

Christoph Keese, Jahrgang 1964, studierte Wirtschaftswissen­­schaften und absolvierte die Henri-Nannen-Journalistenschule. Er war unter anderem Chefredakteur der Welt am Sonntag und Financial Times Deutschland sowie Executive Vice President der Axel Springer SE. Er ist Chief Executive Officer bei der Axel Springer hy GmbH.  

Für sein Buch „Silicon Germany- Wie wir die digitale Transformation schaffen“ gewann Christoph Keese den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

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