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Thomas Reiter während seines Vortrages in der Zentrale der LzO.

Völlig losgelöst

  • Astronaut Thomas Reiter zu Gast bei „Talk im Turm“ der LzO
  • Reiter nimmt LzO-Mitarbeiter mit auf eine spannende Reise ins Weltall

Thomas Reiter hat 350 Tage im All verbracht – so viele, wie kein anderer Europäer vor ihm. Er war der erste Deutsche, der 1995 einen Weltraumausstieg an Bord der russischen Raumstation Mir unternahm. Elf Jahre später flog er erneut ins All. Dieses Mal an Bord der internationalen Raumstation ISS. Heute ist Thomas Reiter ESA-Koordinator internationale Agenturen und Berater des Generaldirektors. Jetzt war er Gast der LzO-Veranstaltungsreihe „Talk im Turm“ und nahm die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der LzO mit auf eine spannende Reise ins Weltall.

 

Faszination fürs Fliegen in die Wiege gelegt

Sein Werdegang, so Reiter, sei ihm ein Stück weit in die Wiege gelegt worden. Aufgewachsen ist er nahe des Flughafens Frankfurt am Main in Neu-Isenburg. Und beide Eltern waren begeisterte Segelflieger. Fast jedes Wochenende seien sie auf dem Flugplatz gewesen, berichtete er. Sein Kindheitstraum, Astronaut zu werden, bekam einen zusätzlichen kräftigen Schub, als mit Apollo 8 der erste bemannte Flug zum Mond startete. Das ist inzwischen fast 50 Jahre her. Mit zunehmendem Alter jedoch erkannte der jugendliche Reiter, dass die Chancen, als Astronaut eingesetzt zu werden, realistischerweise sehr gering waren. Trotz allem wollte er in der Luft- und Raumfahrt tätig sein. Bei der Bundeswehr erhielt er die Gelegenheit, ein Ingenieursstudium der Luft- und Raumfahrttechnik zu absolvieren. Anschließend wurde er dann Militärpilot.

Eine Kombination, die sich im Rückblick als sehr günstig erwies, als zunächst 1986 das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und 1989 dann die Europäische Weltraumorganisation (ESA) begannen, Bewerber für ihre zweite Astronautengruppe zu suchen. Reiter meldete sich und mit ihm weitere rund 22.000 Bewerber. Schließlich kam er in die engere Auswahl und begann 1993 mit seinem Ausbildungsprogramm.  Zwei Jahre später war es dann so weit. An Bord einer Sojus-Rakete startete Reiter zur russischen Raumstation Mir und unternahm seinen ersten Ausflug ins All.  

 

Raumfahrt dient auch der Völkerverständigung

Ob er denn auch Angst an Bord der Rakete und der Station verspürt hätte, wurde Reiter gefragt. Seinen Kollegen und ihm seien die Gefahren, denen sie ausgesetzt waren, durchaus bewusst gewesen, entgegnete er. Für ihn persönlich sei es ein Abwägen gewesen mit dem, was an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu erlangen gewesen sei. So könne die Weltraumforschung helfen, unser Leben auf der Erde zu verbessern und die Umwelt zu verstehen. Reiter sieht in der Raumfahrt neben den Experimenten und den technischen Innovationen einen weiteren Nutzen – die Völkerverständigung. Man hätte bei beiden Missionen ein phantastisches Team gehabt, das sich aus unterschiedlichen Nationen zusammensetzte. Alle hätten gemeinsam an einer Sache gearbeitet und sich gegenseitig unterstützt. „Da sind Beziehungen entstanden, die halten ein Leben lang“, wusste er zu berichten.

Reiter hat auf seinen beiden Flügen zu den Raumstationen Mir und ISS so einiges vermisst. Das fing bei den regelmäßigen Kontakten zu seiner Familie an und hörte beim Essen auf. So fand er nach seiner Rückkehr von der ISS im Jahr 2006 im Kühlschrank der NASA-Isolationsstation in Houston lediglich ein Weißbrot und etwas Wurst vor. „Nach einem halben Jahr Bordverpflegung hatte ich auf alles Hunger – aber sicher nicht auf belegtes Weißbrot“, scherzte er. Also suchte er unter der strengen Aufsicht seines betreuenden Arztes ein naheliegendes Restaurant auf. Schließlich war er unter Quarantäne gestellt, da sein Immunsystem durch den langen Flug und die Schwerelosigkeit an Bord der Raumstation sehr geschwächt gewesen war. „Zusammen mit meiner Familie und meinem Crew-Arzt sind wir einfach in das nächste Burger-Restaurant gegangen. Sie glauben gar nicht, wie überirdisch gut ein Burger nach einem halben Jahr an Bord der ISS schmecken kann“, schwärmte er den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der LzO vor.

Genauso euphorisch berichtete er von seinen Außenbordeinsätzen. Viel näher könne man dem Weltall nicht sein. Man würde sich mit rund 28.000 Stundenkilometern bewegen und hätte einen Blick, der überwältigend sei. Die ganze Schönheit unseres Planeten, die vielen Farbenspiele seien mit Worten kaum zu beschreiben.

Gerhard Fiand, Vorsitzender des Vorstandes der LzO, lobte in seinen Dankesworten, dass Reiter es wie kein anderer verstehe, das Abenteuer Raumfahrt mit großer Begeisterung seinen Zuhörern näher zu bringen. Er hätte den Kolleginnen und Kollegen im wahrsten Sinne des Wortes einen Blick über den Horizont hinaus vermittelt.

Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der LzO blieb an diesem Abend vieles hängen, eines aber ganz gewiss: Astronauten bewegen sich zwar im All, können aber trotzdem ganz bodenständige Menschen sein.   

Die Veranstaltung mit Thomas Reiter fand im Rahmen der LzO-Reihe „Talk im Turm“ statt. In loser Reihenfolge berichten dort regionale Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft über ihre beeindruckenden Lebens-und Berufswege und diskutieren mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der LzO abseits des Bankenalltages darüber.

Zu Thomas Reiter:

Thomas Reiter war von 1992 bis 2007 ESA-Astronaut und der achte Deutsche im All. In der russischen Raumstation Mir absolvierte er 1995/1996 den ersten ESA-Langzeitflug überhaupt. Dabei unternahm er als erster Deutscher einen Weltraumausstieg. Auch auf der ISS war er 2006 der erste europäische Langzeitflieger. Heute ist Thomas ESA-Koordinator internationale Agenturen und Berater des Generaldirektors.  

Der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes lebt mit seiner Familie in Rastede (Landkreis Ammerland).

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